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Wenn eine deutsche Grafikdesignerin bei Urner Bergbauern Kühe melkt

Samstag 21. April 2012

Thomas und Heidi Eberli-Ziegler betreiben auf 1100 Metern über Meer einen Bauernhof in der Innerschweiz. Da die sechsköpfige Familie bald weiteren Zuwachs erhält, sind sie auf die Unterstützung Freiwilliger angewiesen. Julia Veits, 34-jährige Grafikdesignerin aus Darmstadt, sagt nach drei Tagen bei den Urner Bergbauern: «Man macht sich keine Vorstellung, wie hart diese Arbeit ist.»

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Frau Eberli, der Bauernhof, den Ihr Mann und Sie vor drei Jahren übernommen haben, liegt hoch über dem Urnersee, vier Kilometer vom nächsten Dorf entfernt. Sind Sie nicht einsam hier oben?
HEIDI EBERLI-ZIEGLER: Im Winter ist es manchmal schon sehr ruhig, wenn alles eingeschneit ist. Aber ich bin ja nicht allein. Mit meinen vier Buben, meinem Mann und dem früheren Hofbesitzer wird es nicht langweilig. Und wir haben 10 Kühe, 7 Rinder, einige Kälber sowie Hund, Katzen und Hühner. Wenn das Wetter es zulässt, gehe ich zwei Mal pro Woche ins Dorf, einmal am Abend und am Donnerstag Nachmittag ins MuKi-Turnen.

Das Dorf Isenthal hat 525 Einwohner. Wünschen Sie sich nicht manchmal mehr Abwechslung?
Nein, wozu? Ich habe ja keine Zeit, mich zu langweilen. Schon als junges Mädchen habe ich auf dem Hof hier gearbeitet. Mein Mann und ich stammen beide aus einer Bauernfamilie, konnten aber die Höfe unserer Eltern nicht übernehmen. So lebten wir acht Jahre lang auf einer Alp und machten Käse. Als sich vor drei Jahren die Gelegenheit ergab, diesen Hof zu kaufen, war das ein Glücksfall für uns. Weil der frühere Besitzer im Winter hier mithilft, kann mein Mann in Luzern als Hilfsarbeiter auf dem Bau etwas dazu verdienen in dieser Zeit.

Die Landbewirtschaftung auf ihrem steilen 13-Hektaren-Grundstück ist sehr schwierig. Wie verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt?
Wir machen selber Käse und haben eine Kälbermast. Aber ohne Subventionen wäre es unmöglich, hier oben über die Runden zu kommen.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Um 6:15 Uhr muss das Frühstück für meinen Mann parat sein, eine halbe Stunde später kommt der Voreigentümer zum Zmorge, um 7:15 Uhr die Buben. Um 9 Uhr gibt’s ein zweites Frühstück, dann Mittagessen, Zvieri und Nachtessen. Nebst Haushalt und Stall gibt es je nach Saison andere Pflichten: Im Frühling reinigen wir Wald und Wiese vom Winterschmutz, im Sommer braucht das Heuen viel Zeit. Im Moment muss ich mich ein wenig schonen, weil ich im neunten Monat schwanger bin mit unserem fünften Kind. Ohne die Unterstützung Freiwilliger wäre es unmöglich, alles zu schaffen.

Wann waren Sie zum letzten Mal in den Ferien?
Ferien? Das gibt es nicht bei uns. Mit vier Kindern und einem Hof ist das unmöglich. Da müssten wir ja doppelt bezahlen: Eine Stellvertretung, die zum Hof schaut, und die Ferienkosten. Viel Freizeit hat man nicht mit einem solchen Beruf, aber das ist nicht schlimm. Hauptsache, wir haben etwas Eigenes und sind alle gesund. Die Freiwilligen, die via Caritas auf den Hof kommen, bringen immer wieder Abwechslung.

 

Frau Veits, wie kommt es, dass eine Grafikdesignerin aus Darmstadt eine Woche lang auf einem Urner Bergbauernhof anpackt?
JULIA VEITS: Das ist eine seltsame Geschichte. Ich schreibe an einem Kinderbuch, das in einem ländlichen Dorf in vorindustrieller Zeit spielt. Bald wurde mir klar, dass ich keine sehr genaue Vorstellung vom Landleben habe. So recherchierte ich und wurde auf die Freiwilligen-Einsätze bei Schweizer Bergbauern aufmerksam. Ich hatte sofort den Eindruck, dass bei so einem Einsatz beide Seiten gewinnen: Die Bauernfamilie erhält dringend benötigte Entlastung, ich lerne ein ganz anderes Leben kennen.

Welches sind die markantesten Unterschiede zu Ihrem gewohnten Arbeitsalltag?
Als Grafikdesignerin sitze ich normalerweise den ganzen Tag im Büro am Computer. Diese Pixel-Schubserei spielt sich ganz im virtuellen Raum ab. Hier hingegen ist handfeste körperliche Arbeit gefragt, die Resultate sind sofort greifbar. Ich hatte nicht besonders romantische Vorstellungen von der Tätigkeit auf einem Bergbauernhof, eigentlich war ich auf alles gefasst, aber nach drei Tagen muss ich sagen: Man macht sich keine Vorstellung davon, wie hart diese Arbeit ist. Gestern habe ich mit dem Bauer Baumstämme entrindet – heute kann ich meine Arme kaum noch hochheben. Am Nachmittag legten wir einen Schlauch ins Gelände, damit die Gülle den Berg hochgepumpt werden kann. Mir wurde beim Hochschleppen schwarz vor den Augen – und ich mache normalerweise täglich Sport, bin also nicht ganz untrainiert. Auch das Kühemelken und Kälbertränken ist anstrengend.

Bedauern Sie es, die Freiwilligenarbeit angetreten zu haben?
Nein, überhaupt nicht. Ich bin jeden Abend körperlich total erschöpft, aber der Kopf ist wunderbar frei. Gestern, als wir mit der Seilbahn ins Tal fuhren, sahen wir Gämsen und Hirsche im Wald, unter uns der See; später war alles durch den Nebel wie in Watte gepackt. Es ist eine sehr elementare, intensive Art zu arbeiten und zu leben. Und Essen, Trinken und Schlafen bekommen eine ganz andere Bedeutung. Wenn wir in der Stadt am Bildschirm sitzen, essen wir manchmal mehr aus Gewohnheit. Hier auf dem Bauernhof braucht der Körper nach drei Stunden schlicht dringend neue Energie. Das Einzige, was ich bedaure, ist, dass ich nach einer Woche schon wieder zurückfahre.

Sie möchten bleiben?
Nicht gerade für immer, aber ich möchte unbedingt bald wieder einen solchen Einsatz machen, eher zwei Wochen statt nur einer, vielleicht ja schon im Sommer, wenn Heuen auf dem Programm steht. Die Arbeit hier tut mir sehr gut. Einerseits bin ich kaputt wie vielleicht noch nie in meinem Leben, andererseits fühle ich mich mental sehr frisch, wahrscheinlich erholter als nach 10 Tagen Städteferien. Das hat auch damit zu tun, dass ich sehr freundlich aufgenommen worden bin.

Und Ihr Kinderbuch hat Gestalt angenommen?
Nein, daran denke ich im Moment gar nicht. Eigentlich denkt man an gar nichts mehr am Abend, man sinkt nur noch ins Bett. Aber manche der Eindrücke, die ich von hier mitnehme, fliessen später vielleicht in mein Buch ein. Der Hof hier hat eine 300-jährige Geschichte. Der Umgang mit der Landschaft, den Tieren und Nahrungsmitteln ist ganz anders als bei uns in der Stadt. Ausser Toilettenartikeln, Teigwaren und Brot wird hier nichts dazugekauft. Es ist alles ein natürlicher Kreislauf.

Information zum Bergeinsatz:
Auf der Homepage www.bergeinsatz.ch gibt es alle Informationen zu freiwilligen Bergeinsätzen in verschiedenen Regionen. Die Mindesteinsatzdauer beträgt 5 Tage.

14 Kommentare zu „Wenn eine deutsche Grafikdesignerin bei Urner Bergbauern Kühe melkt“

  1. Marian Gallati sagt:

    Wie bitte? 3 Tage auf einem Hof und hartes Arbeiten bereits “gelernt”?? Da fragt man sich echt, in was für Dimensionen die Leute heute denken…nach 3 Tagen kommen gerade mal die Erschöpfungssymptome so richtig. Ab Tag 5 oder so gehts wieder aufwärts und dann ist die Woche ja bereits vorbei und lediglich ein Bruchteil der Arbeiten bekannt…

  2. s. sagt:

    @ marian gallati: haben bauern wochenende? wer melkt die kühe? …

  3. Wetten Georg sagt:

    “Man macht sich keine Vorstellung davon, wie hart diese Arbeit ist “Frau Marian, ich kann Ihnen nur beiplichten.
    Als Knabe war ich von 6 Jahren an in den Sommerferien weg bei Bauern oder auf der Alp. Heute würde das Kinderarbeit nennen.(mit 12 Jahren um 4 Uhr rasu , Kühen einsammlen, als Hirte 15 Kühe gemolken etc) Dies ware für uns Knaben in den Bergen ganz normal.
    Mir hat es Spass gemacht und habe auch gelernt auch dass nicht alles in den Schoss fällt , Badi, Internet, etc. im Büro den A… flach sitzten. Noch heute Träume ich davon wie frei und ohne stress wir waren, heute Kindertrauma, Ritalin etc.
    Villeicht denke ich zu altertümlich, aber unser Gesellschft ist vollkommen degeneriert.

  4. Marian Gallati sagt:

    @s: Natürlich haben Bauern kein Wochenende. Aber Frau Veits geht ja nach einer Woche bereits wieder nach Hause. Das war so gemeint. Wirklich wissen, was das Leben und Arbeiten auf dem Hof bedeutet, kann man erst nach vielen Wochen.
    Ich war auch einen Sommer auf einer Alp, weil ich wissen wollte, wie das ist. Kühe einsammeln, melken, hirten, misten, Gras mit der Sense mähen, alle Nahrungsmittel zu Fuss hochtragen, Alpweiden der anderen Staffeln zäunen, bevor man weiterzieht…gehört alles dazu und sieht man nicht in einer einzelnen Woche.

  5. Lilo Müller sagt:

    @Marian Gallati: Ich finde es gut, dass diese Frau sowas macht. Zudem will sie ja das nächste Mal evtl. 2 Wochen arbeiten. Was wollen Sie uns eigentlich mit Ihrem Posting sagen? einfach bisschen rummötzerle!!

  6. Manfred Schnyder sagt:

    Das waren früher freiwillige Arbeitstage beim Bauern um etwas Geld zu verdienen. Mit Tieren zu arbeiten ist eine schöne Berufung und etwas schönes.

  7. Martin Kreidel sagt:

    @Marian Gallati: Das Ziel von Frau Veits war sicher nicht, binnen einer Woche die Bauerei auf dem Hof zu erlernen. Natürlich geht das nicht ein einer Woche, auch nicht in zwei. Wichtiger erscheint mir, daß ihre Hilfe benötigt wurde und willkommen war. Ich habe auch schon in den Ferien in der Schweiz beim Heuen geholfen und auch ich fand es zwar anstrengend, aber sehr befriedigend. Vor allem lernt man die Menschen wirklich mal kennen und empfindet gegenseitiges Interesse – weit wertvoller als sich in irgendwelchen Blogs haßerfüllte Kommentare um die Ohren zu schlagen wie so oft auch hier im Tagesanzeiger. Jetzt warte ich nur noch auf das Erstaunen, daß man für diese Arbeiten auf dem Hof auch noch eine “Dütsche” holen muß in der Schweiz, wo ja die Deutschen den Schweizern die Arbeitsplätze wegnehmen. Na ja, viele Schweizer scheinen sich dafür wohl nicht finden zu lassen, wie gehabt.

  8. Daniel Zurbriggen sagt:

    schön und ehrli geschrieben. als ex-älpler biobauernhofmitarbeiter sag ich sport bringts nicht, ganztags büro entleert die sinne…
    welche in und durch arbeit mit der natur erfüllt werden von Licht Geruch Farben Formen Bewegungen was sich auch beim sex niederschlägt. Frau Gallati die älpen sind auch moderner geworden und das chrampfen muss nicht sein .. langsam juffeln geht auch dann hat man etwas vom leben auch wenn die tage lang sind. es ist härter einen job zu haben der einem sinnlos erscheint.

  9. Willi Ammann sagt:

    Den vielen Neid-Genossen die sich immer wieder lauthals über die Direktzahlungen an die Landwirtschaft beschweren und die Bauern quasi als Sozialhilfeempfänger stigmatisieren könnte ein mehrwöchiger Bergeinsatz möglicherweise die Augen öffnen.Nix da von 8-Std-Tag,5 Tagewoche, 6 Wochen Ferien (wie gefordert).Viele wären vermulich bei der harten Arbeit,teilweise unter widrigen Umständen, heillos überfordert.Es ist halt weniger mühsam in der warme Stube die grosse Klappe aufzureissen und über die ungeliebten Subventionsempfänger zu lamentieren.

  10. Julia Veits sagt:

    Guten Abend allerseits,

    soeben wieder zuhause angekommen, möchte ich mich nun auch einmal zu Wort melden!

    Mein “Bergeinsatz” war eine sehr schöne und bereichernde Erfahrung, die ich jedem empfehlen kann, der sich für die Lebenswelten von anderen interessiert.

    Ich für meinen Teil wollte erst mal schauen, ob mir so ein Bergeinsatz überhaupt zusagt – immerhin spendiert man seinen Urlaub, ohne zu wissen, was auf einen zukommt. Bei den Bauern selbst sind – nach Aussage einer Caritas-Mitarbeiterin, die uns auf dem Hof besucht hat – längere, also mehrwöchige, Einsätze natürlich beliebter als einwöchige (aus naheliegenden Gründen). Aber sie sind froh um jede Hilfe, und nicht jede Familie ist so gut “gebucht” wie Familie Eberli-Ziegler. Und ja, es stimmt, daß sich im Vergleich nur wenige Schweizer für einen Freiwilligeneinsatz bei den Bergbauern interessieren.

    @Marian Gallati: Über die Bildunterschrift “Wie eine deutsche Grafikdesignerin bei einer Urner Bergbauernfamilie hartes Arbeiten gelernt hat” haben Familie Eberli-Ziegler und ich uns heute morgen auch schon ein bißchen mokiert: denn natürlich arbeite ich mitunter ebenso hart in meinem erlernten Beruf – nur eben nicht körperlich. ;)

    Beste Grüße,
    Julia Veits

  11. Petter sagt:

    Ich habe zwei Einsätze à 4 Wochen für den Zivildienst bei einer Bergbauern-Familie gemacht. Die Arbeit war hart (härter als das Militär!) und ich habe ehrlich gesagt das Gefühl, viele würden das nicht beissen können.
    Tagesablauf: 06.00 Tagwacht, 06.15 Melken der 20 Kühe, füttern, Stall ausmisten, 07.30 Frühstück, 08.15 Tagesarbeit (Holzschlagen, Zäunen, Mähen, silieren, Unkrautvernichtung, Düngen, Unterhaltsarbeiten am Hof, Kuhmarkt, etc.) bis 12.15 Uhr. Happiges Mittagessen. 13.15 bis 18.00 Uhr Tageswerk. Um 6.00 Uhr Kühe reinholen, melken, füttern, etc. Um 19.00 Uhr Nachtessen. Nach 20.00 Uhr im Sommer noch leichtere Arbeiten, im Winter etwas lesen (die einzige “Freizeit”)…
    Die letzten Ferien der 6-köpfigen Familie: vor 5 Jahren für 4 Tage. Das letzte freie Wochenende: vor drei Jahren für eine Hochzeit. Verdienst: keinen, es reicht um den Hof zu unterhalten.
    Seit dieser Zeit sage ich rein gar nichts mehr gegen Subventionen…

  12. Kaija Kulmala sagt:

    Ja, die Arbeit bei einem Bergbauer ist hart aber vielsietig-interessant. Nach meinem Pansionierung habe ich mein Traum in auf einer Alp in der Schweiz zu arbeiten, verwirklicht. Anstatt Alp, habe ich eine Stelle (SVAB webseiten) bei einem Bergbauerfamilie (Vater und 1 Sohn) im Glarnerland gefunden. Haushalt selbständig führen, Gemüsegarten phlegen, im Stall misten, Milchmaschine waschen, Kühe auf die Weide trieben/holen, die wichtigste Arbeit ist doch beim Heuen helfen.
    Die steilen Hängen sind schon anspruchsvoll für mich aus dem Flachland stammende, gewesen. Und, dass fast alles handarbeit ist!
    Auf einem Bauernhof aufgewachsen und im Berufsleben als Krenkenschwester in drei sichten im Notfall einer Unispital habe ich harte Arbeit und überraschende Situationen reagieren/handeln, gelernt. Es hat mir gut gefallen, sie waren auch zufrieden, so, dass ich noch den nächsten Sommer ganz und den dritten noch 6 Wochen (” zum überbrücken”) da gewesen bin.
    Ich würde immer noch einige Wochen so arbeiten, wegen meines Alters und andere Aktivitätennicht den ganzen Somme. Da hat mir unser kurzer, schöner Sommer, besonders die hellen Sommernächte gefehlt ! Aber ich empfehle!

  13. Hans Gugger sagt:

    Jch finde das eine schöne Sache, aber es braucht aber auch die richtige Einstellung dazu.
    Den leuten welch sich für so Sinnvolle Sache zur Verfügung stellen nur gratulieren und viel
    Vergnügen wünschen.

  14. Wenn doch nur rum gemeckert werden kann! Statt mal selbst so was zu erleben, kritisiert man dass sich die Balken biegen. Leben und leben lassen! Sonst geht nur noch bergab.

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